Das Geheimnis der Fleckerlwiese

Ein Stück außerhalb von Schrems liegt der Ort Gebharts. Hier befindet sich eine gar seltsame Wiese, die „Fleckerlwiese“.

Vor langer Zeit, so erzählt die Sage, fand man auf dieser Wiese an jedem Morgen eine große Menge bunter Stofffleckerl. Räumte man sie weg, so lagen doch am nächsten Morgen neue Stoffstückchen über die ganze Wiese verstreut, die dann aussah, als wären ihr über Nacht viele neuartige Blumen gewachsen.

Dem Besitzer der Wiese war das alles nicht recht, machte doch das Wegräumen der Flecken viel Arbeit und brachte keinen Gewinn. So beschloß er, einmal eine ganze Nacht bei der Wiese zu wachen, um den „Schneider“, nur ein solcher konnte nach seiner Meinung der Fleckerlhersteller sein, bei der. Arbeit zu sehen und ihn zu verjagen. Er baute sich im Strauchwerk eines nahegelegenen Baches ein gutes Versteck, in welches er sich bei Einbruch der Nacht zurückzog.

Lange Zeit geschah nichts, und die Stille der Nacht wurde nur durch das Schlagen der Kirchturmuhr im nahen Schrems unterbrochen.

Schon glaubte er, umsonst die Nacht auf Wache verbracht zu haben, da sah er mit Erstaunen einen hellen Schein, nicht weit entfernt, am Rande des benachbarten Moores. Noch viel erstaunter war er jedoch, als er erkannte, daß sich die Helle zu einer großen leuchtenden Kugel formte, die sich alsbald in viele kleine Kugeln auflöste, die lustig auf- und abtanzten und in allen Farben des Regenbogens leuchteten.

Vorsichtig kletterte er aus seinem Versteck und ging hinzu, um das merkwürdige Schauspiel betrachten zu können. Es war aber, als ob ihn die geisterhaften Leuchtkugeln bemerkt hätten. Sie hüpften von ihm weg, den Bach entlang, wurden immer mehr und mehr und hielten endlich an einer Stelle am Rande seiner Wiese inne.

Langsam schlich der Bauer näher. Plötzlich blieb er starr stehen und glaubte seinen Augen kaum zu trauen. Eine menschliche Gestalt kam aus dem Moor. Sie trug ein langes, fließendes Gewand und schien förmlich über den sumpfigen Boden zu schweben.

Der Bauer, dem angst und bang wurde, wollte eilends davonlaufen, aber soviel er sich auch bemühte, er konnte seine Beine nicht mehr bewegen. So mußte er mitansehen, wie sich die Gestalt den funkelnden Kugeln näherte. Als sie nahe genug war, erkanpte er in ihrem Schein ein wunderschönes Mädchen, mit langen, schwarzen Haaren, welches einen dicken Pack bunter Kleider unter dem Arm trug.

Es setzte sich nieder und begann mit so großem Fleiß an den Kleidungsstücken zu nähen und zu schneidern, daß eine Menge Stofffleckerl wie kleine Vögel durch die Luft flog. Die Leuchtkugeln gruppierten sich rings um das Mädchen, setzten sich auch auf die nahen Sträucher und leuchteten wie Laternen der Schneiderin bei ihrer Arbeit.

Wohl eine Stunde dauerte es, bis das Mädchen fertig war. Es erhob sich, nahm die fertiggestellten Gewänder und ging langsamen Schrittes ins Moor zurück. Die Leuchtkugeln begleiteten es, wurden immer schwächer und schwächer und nach einiger Zeit war der ganze Spuk verschwunden.

Der Bauer, der nun wieder Arme und Beine bewegen konnte, lief schnell ins Dorf. Dort weckte er die Leute und erzählte ihnen sein Erlebnis. Diese lachten aber über ihn und einer sagte: „Das hast du wahrscheinlich geträumt!“ Ein anderer meinte: „Ich glaube, du hast zuviel Wein getrunken und dir das alles im Rausch eingebildet.“ So war der Bauer noch lange Zeit das Gespött der ganzen Ortschaft. Nur ein alter Mann murmelte leise: „Vielleicht hat er gar die Moorfee gesehen, von der unsere Ahnen immer erzählten.“

Wie dem auch sei, seit diesem Tag gab es keine bunten Stofffleckerl mehr auf der „Fleckeriwiese“, was zwar den Bauern sehr freute, was jedoch seiner Frau gar nicht recht war, hatte sie doch aus den vielen Stoffstückchen wunderschöne Fleckeriteppiche gemacht und diese gegen gutes Geld an die Leute verkauft.

Quelle: Waldviertler Heimatbuch, Helmut Sauer, Verlag Josef Leutgeb, Zwettl, 2. Auflage 1977, Band I
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