Die Büsumer

Die Büsumer, die am Meeresstrand hausen, waren von jeher gute Schwimmer. Eines Sonntags schwammen ihrer neun ins Meer hinaus, und als sie eine ziemliche Strecke vom Ufer entfernt waren, wandte sich der Vordermann um und sprach: "Brüder, ich muß doch wahrhaftig einmal zählen, ob wir auch noch alle beisammen sind, mir scheint, es fehlt einer." Er fing also an: "Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht", sich selbst aber zählte er nicht mit. Da befiel ihn ein gewaltiger Schrecken, und er rief: "Beim Stint! Es ist einer ertrunken!"

"Laß mich auch einmal zählen", sagte ein anderer, und machte es ebenso wie der erste. Nun konnten sie nicht mehr zweifeln, daß einer verunglückt sei, und traurig schwammen sie nach dem Ufer zurück. Wie sie da ratlos beisammenstanden und das Unglück beklagten, kam von ungefähr ein Fremder vorüber, der sich teilnehmend nach der Ursache ihrer Bestürzung erkundigte.

,,0 Herr! unser waren neun, die ins Meer hinaus- schwammen, acht sind aber nur zurückgekehrt, also ist einer ertrunken", klagten sie.

Ein Blick belehrte den Fremden, wes Geistes Kinder die guten Büsumer waren, und er sprach: "Es gibt nur ein Mittel, das schwierige Rätsel zu lösen: legt euch auf den Boden und steckt die Nasen in den Sand!"

Die Männer taten, wie ihnen geheißen. "Nun aufgestanden!" befahl der Fremde. Sie erhoben sich wie ein Mann. "Jetzt zählt die Löcher im Sande! Soviel Löcher, soviel Nasen!"

Sie zählten und riefen außer sich vor Freude: "Neun! Hurra! Neun Nasen, neun Männer! Es ist keiner ertrunken!" Sie dankten dem klugen Fremden, kleideten sich an und kehrten vergnügt in ihr Dorf zurück.

Quelle: Schelme und Narren; Josef Pöttinger; Verlag Ferdinand Ertl Wien; 1941

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