Die Gründungssage der Burg Steyr

Es war vor sehr langer Zeit. Da ritten eines Tages zwei junge Ritter auf schönen, edlen Pferden einen breiten, halb mit Gras bewachsenen Saumpfad entlang; bald ritten sie durch schattendunklen Wald, bald über grüne Fluren, die zwischen den Wäldern lagen. Sie waren von weither über das Hügelland gekommen und ritten gegen Süden, dem Gebirge zu. Zur Linken hatte jeder ein Schwert, dessen metallische Scheide an die eisernen Steigbügel schlug und glöckelte. Die Lanzen hatten sie angriffslustig in Händen; denn zu jener Zeit hausten in den vielen urwaldartigen Wäldern noch Bären, Wölfe und anderes Raubgetier.

Die beiden Ritter redeten nicht viel, sondern ritten schweigend durch die Gegend. Ihre Blicke aber ließen sie wie suchend über die hügelige Gegend schweifen. Dort und da, unter dem Laub der Bäume schier versteckt, lag ein aus Holz gebautes Bauernhaus, zaunumschlossen, am Saume eines Waldes. Auf den Feldern verrichteten Bauersleute ihre Tagesarbeit, die Waffen griffbereit in ihrer Nähe; denn es war, wie gesagt, noch eine gefährliche Zeit, wo Raubtiere durch die Gegend strichen.

Lange waren sie schon durch das Land geritten. Plötzlich standen die Ritter mit ihren Pferden am Rande eines steil fast senkrecht abfallenden Berghanges. Voll Verwunderung sahen sie auf das herrliche Landschaftsbild, das sich vor ihren staunenden Augen auftat. Tier drunten rauschten und schäumten zwei Bergflüsse, die durch Auen von verschiedenen Richtungen kamen und sich hier zu einem Fluß vereinigten, der von Auwaldbäumen besäumt, seine Wasser rauschend nordwärts wälzte. Sie sahen in das schöne Tal, sie sahen die grünen Berge, sie sahen die gewaltigen Felsenberge, deren weißgraue steinerne Häupter weit südwärts in die Bläue des Himmels ragten.
Entzückt von der Schönheit dieses Landschaftsbildes sprach der eine Ritter: „Hier ist es schön, hier wollen wir uns eine Burg bauen!“ „Du hast recht, Bruder, und hier für immer bleiben.“ Sie sahen sich nach einem geeigneten Platz zum Bau einer Burg um. Meinte der eine: „Der schönste Platz ist diese bewaldete Anhöhe, auf der wir stehen.“ „Nein“, sagte der andere, „der beste und schönste ist drüber dem Fluß, dort auf dem dreieckigen Felsen, der sich zwischen den zwei Flüssen in die Wassergabel vorschiebt.“ „Der schönste Platz ist aber hier“, so der eine. „Der sicherste aber ist dort drüben“. So der andere. So stritten sie lange fort und konnten sich nicht einigen.

Und so mussten sie nach dem alten ritterlichen Brauche durch einen Zweikampf darüber entschieden werden, wo die Burg zu stehen kommen sollte. Hart rannten die beiden Brüder gegeneinander, bis einer aus dem Sattel geschleudert wurde. Nach dem Willen des Siegers wurde die Burg auf jenem Felsen erbaut, den die Fluten der Steyr bespülten Daher wurde die Burg „Steyrburg“ genannt. Handwerker mit ihren Familien siedelten sich hier an, denn im Schutz des Burgherren konnten sie friedlich arbeiten. Im Laufe der Zeit entstand die Stadt Steyr, so genannt nach der Steyrburg.

Auf der Anhöhe aber, wo der unterlegene Ritter die Burg bauen wollte, steht heute das kirchenähnliche, mauerumfangene Gebäude mit dem schlanken Türmlein, auf dessen Spitze der Wetterhahn sich nach dem Winde dreht und so den Leuten gutes oder schlechtes Wetter kündet. Dieses weißschimmernde, freundliche Gebäude schaut aus luftiger Höhe hernieder auf die Stadt und wird „Tabor“ genannt.

Quelle: Sagen und Legenden von Steyr, Franz Harrer, Verlag Wilhelm Ennsthaler, Steyr, 3. Auflage 1980,
ISBN 3-85068-004-5

© digitale Bearbeitung Norbert Steinwendner, St. Valentin, NÖ.

 
designed by © Norbert Steinwendner, A 4300 St. Valentin