Die drei lustigen Wanderburschen

Es war vor vielen Jahren. Da zogen eines Tages drei junge Handwerksburschen, die in der Burgtaverne im schönen, freundlichen Losenstein etwas länger gezecht als zur Stärkung auf dem weiten Wege nötig gewesen wäre, lustig und frohen Sinnes die krumme Voralpenstraße entlang gegen Süden. Als sie zu dem zwanzig Minuten von Losenstein entfernten, linksseits hart an der Straße liegenden Friedhof kamen, ließen sie sich auf dem grünen Rasen gegenüber dem Friedhof nieder, und zwar dort, wo heute die mächtige alte, mit Heiligenbildern behängte Föhre steht; sie saßen am Rande des Abhanges, der fast senkrecht zur tief unten rauschenden Enns abfällt, sangen frohe Lieder, waren lustig und guter Dinge.

Einer von ihnen, der Übermütigste, ging zum Friedhofstor und rief durch das hohe Gitter in den Friedhof hinein: "Hallo, ihr da drinnen, stehet auf! Wie lange wollt ihr noch schlafen?" Kaum hatte er diese Worte gesprochen, taumelte er quer über die Straße, hin gegen den Abhang, und es war, als höbe sich aus dem dunkelgrünen, wilden Gewässer ein unsichtbarer Riesenarm, griffe nach ihm und versuchte ihn hinabzuziehen in des alten Nikuz Wasserreich.

Seine beiden Wandergenossen waren erschreckt aufgesprungen und ihrem Wanderbruder zu Hilfe geeilt. Sie packten seinen linken Arm und zogen ihn mit vereinten Kräften straßwärts; mit großer Mühe vermochten sie ihn am Rande des Abhanges zu halten und fortzugeleiten bis zu dem drei Minuten entfernten "Bauernhaus im Holz". Dort stand ein Kreuz, vor dem sie betend in die Knie sanken. In diesem Augenblick machte es einen Schnalzer und der Zauber war gelöst. Zum Dank für die Errettung setzten die drei Burschen gegenüber dem Friedhofseingang eine junge Föhre, die im Laufe der vielen Jahre zu einem mächtigen Baum herangewachsen und alt geworden, heute noch dort steht. Am Fuße des mit Bildern behangenen, sagenumwitterten, knorrigen Baumes steht eine Bank, auf die sich Vorübergehende gerne niederlassen und kurze besinnliche Rast machen.

Quelle: Sagen und Legenden von Steyr, Franz Harrer, Verlag Wilhelm Ennsthaler, Steyr, 3. Auflage 1980,
ISBN 3-85068-004-5

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