Das Kind in der Schatzhöhle

Mitten in den Voralpen, etwa zweieinhalb Stunden von Maria Neustift entfernt, erheben sich zwei auffallende Berge, die wie Zwillingsbrüder in der bergigen Landschaft stehen und einen einzigen langgestreckten Höhenzug bilden. Diese Steinberge sind bis weit hinauf mit dunklem Wald bedeckt. Es sind dies der 1080 Meter hohe Lindauerberg und der 1100 Meter hohe Scheinoldstein, der auch "Lindaumauer" genannt wird. Beide Berge sind höhlenreich. Es wäre daher ein Wunder, wenn uns die Sage von diesen geheimnisvollen Höhlen, in denen, wie es heißt, reiche Gold- und Silberschätze zu finden sind und von einstigen Vorkommnissen in ihrem Inneren nichts zu erzählen wüßte. Von einer dieser Höhlen weiß sie folgendes zu erzählen:

An einem Karfreitagmorgen, während in der Kirche zu Gaflenz der Gottesdienst gehalten wurde, ging eine jüngere Frau mit ihrem Kinde den Gaflenzbach entlang, an dessen von noch blattlosen Stauden und Bäumen besäumten Ufern schon die schönsten Vorfrühlingsblumen standen, an denen sich beide recht erfreuten, umsomehr, da auch der liebe Sonnenschein auf den Blumen lag. Die Frau ging mit ihrem Kinde immer weiter und weiter, dann aufwärts auf den Hängen der Lindau, bis sie zu einer Höhle kam. Mit dem Kinde auf dem Arm betrat sie neugierig die Höhle, in der sie, immer weiter vordringend, in einen großen Felsensaal kam, in dessen Mitte eine große, schöngearbeitete Kiste stand, auf deren Deckel ein großer, schwarzer Hund saß. Als er die Frau mit dem Kinde sah, sprang er sogleich von der Kiste herab und ging der Frau, als ob er sie begrüßen wollte, freudig schweifwedelnd entgegen.

Der Deckel der Kiste tat sich geheimnisvoll von selber auf und die Frau sah darin einen reichen funkelnden Goldschatz vor sich. Dem konnte die Frau nicht widerstehen. Schnell setzte sie das Kind auf den Boden, griff hastig in die Truhe, tat glänzendes Gold in ihre Schürze und lief dann eilig aus der Höhle.
Als sie draußen schon ein Stück Weges gelaufen war, erinnerte sie sich des Kindes, eilte zurück, um es zu holen. Doch die Höhle war verschlossen und kein anderer Eingang in diese zu finden. Was sie auch klagte und jammerte die junge Frau, das Tor der Höhle tat sich nicht wieder auf.

Sie ging zum Pfarrer des Ortes und bat flehend um Hilfe. Er konnte ihr aber keinen anderen Rat geben, als den, ein volles Jahr zu warten und am gleichen Tage und zur gleichen Stunde bei der Höhle zu sein; vielleicht habe sie Glück und könne wieder zu ihrem Kinde kommen.

Im nächsten Jahr am Karfreitag früh, ging sie den Weg zur Höhle. Und wirklich war die Höhle offen, sie fand ihr Kind gesund und fröhlich mit glänzenden Goldkörnern spielend. Freudig schloß sie das Kind in ihre Arme und verließ seelisch bewegt die geheimnisvolle Lindauhöhle.

Quelle: Sagen und Legenden von Steyr, Franz Harrer, Verlag Wilhelm Ennsthaler, Steyr, 3. Auflage 1980,
ISBN 3-85068-004-5

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